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Jeden Morgen das gleiche: Immer wieder durch den Stau
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Verkehr in Potsdam Jeden Morgen das gleiche: Immer wieder durch den Stau

Tag für Tag stehen derzeit Tausende von Menschen, die aus dem Norden nach Potsdam wollen, im Stau, weil der Weg ein Nadelöhr ist – schon an normalen Tagen, zurzeit wegen des Trambaus erst recht. Wir haben Grit Belitz einen Morgen lang begleitet Für 11,5 Kilometer braucht sie eine Stunde. Sie sagt, dass sie überraschend gut durchgekommen ist.

Grit Belitz steht wie Tausende anderer jeden Morgen auf dem Weg von Satzkorn nach Potsdam im Stau.

Quelle: Nadine Fabian

Potsdam. Der Stau ist ein seltsames Tier. Es lässt sich nicht genau sagen, wann er auftaucht. Ob er gegen sieben in der Frühe am dicksten ist oder erst gegen acht oder gar erst am Nachmittag. Ob er heute nur auf der Magistrale bleibt, ob er sich einen verbotenen Schleichweg übers Feld sucht, oder doch wieder durch die Eigenheimsiedlung an der Florastraße kriecht, wo er in den vergangenen Tagen immer häufiger gesichtet wird. Wer aus dem Norden mit dem Auto nach Potsdam fährt, kennt die Launen des Staus – und hat meist selbst schlechte Laune. Denn seit die Nedlitzer Straße gesperrt ist und der Verkehr aus dem Norden allein über die B 273 in die City drängt, sind noch stärkere Nerven gefragt als ohnehin schon.

„Der Stau ist eine Belastung für die Psyche“, sagt Grit Belitz. Die 45-Jährige ist mit ihrer kleinen Familie in der alten Eisenbahner-Siedlung hinter Satzkorn zu Hause und hat ihr Leben seit drei Wochen aufs Puffern eingestellt: Genügt eine halbe Stunde Reserve oder besser eine ganze? Seit drei Wochen gleicht der Morgen daheim einem unendlichen Taktieren. „Man muss genau planen und organisieren“, sagt Grit Belitz. „Und am Ende erwischt einen der Stau dann doch.“

Rüffel in der Kita

Am Donnerstag hat Grit Belitz die MAZ auf ihrem Weg durch den Stau mitgenommen. Mindestens zwei Mal täglich muss sie da durch, denn Tochter Matilda geht in den Kindergarten der Friedensgemeinde. Trotz aller Routen-Raffinesse kommt die Vierjährige jetzt oft zu spät. Um 8.30 Uhr frühstückt die Kindergartengruppe, niemand soll stören. Auch heute sieht’s schlecht aus. Grit Belitz beugt sich zu Matilda und seufzt: „Gleich gibt’s wieder einen Brandenburger Rüffel.“

17 Minuten braucht Grit Belitz an einem Sonntag mit dem Auto von daheim bis zum Kindergarten nahe Schloss Sanssouci. An einem Werktag schafft sie die Strecke in rund 40 Minuten: Die B 273 sei ja immer knackig. Seit der Sperrung sei sie aber unberechenbar.

Draußen auf dem Land zu leben, mit Kind und Job, mit Haus und Hof – das sei schon so schwer unter einen Hut zu kriegen. „Darauf haben wir uns, als wir an den Potsdamer Stadtrand gezogen sind, gern eingelassen“, sagt Grit Belitz. „Im Moment ist es aber wahnsinnig eng.“

Stau für Vierjährige unerträglich

Für Matilda ist die Zeit im Stau vor allem eines: laaaangweilig. „Sie hasst Autofahren grundsätzlich“, sagt Grit Belitz. Der Stau mache die Sache mit dem Stillsitzen und Nichtstun unerträglich. Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus – angeschnallt im Kindersitz spielt Matilda mit dem, was ihre kleinen Hände erreichen können. Sie drückt ihre Plüschrobbe, nascht Trockenobst, zappelt mit den Beinen, schüttelt den Bubikopf und lässt sich vorlesen, was auf den anderen Autos in der Schlage steht. Matilda ist inzwischen ein alter Stau-Hase. „Wann sind wir da?“, kein einziges Mal kommt ihr das Quengel-Mantra über die Lippen. Nur der große Durst kommt irgendwo zwischen Bornimer Kirche und Katharinenholz. Eine elektronische Anzeigentafel verkündet da gerade „Richtung Zentrum dichter Verkehr“. Grit Belitz und Matilda sind zu diesem Zeitpunkt seit 37 Minuten unterwegs und stehen seit 21 Minuten im Stau. Das einzige Glück: Grit Belitz, die den Motor längst ausgemacht hat, kann eine Flasche Wasser aus dem Kofferraum holen. Matilda ist für einen Moment selig.

Gute Laune ist schwer

„Das Schlimmste am Stau ist, dass man es einfach nicht schafft, sich die gute Laune zu erhalten“, sagt Grit Belitz. Vor allem am Nachmittag: „Hupen, Schimpfen, schlechtes Fahren – der Nachmittag ist der Horror!“ Dennoch versuche sie, die Zeit im Auto so angenehm wie möglich zu machen und gut zu nutzen. „Wir unterhalten uns, werten den Kindergartentag aus, fahren zur Abwechslung mal einen anderen Weg nach Hause.“ Bis vor ein paar Tagen waren die Maulbeerallee und die Amundsenstraße so eine willkommene Abwechslung. „Die Amundsenstraße ist eigentlich unser Freund“, sagt Grit Belitz. Seit sie dort aber eine halbe Stunde an der Ampel geschmort hat, meidet sie die Strecke: „Ich dachte, ich drehe durch. Ich mag es nicht, wenn etwas alternativlos ist.“

Grit Belitz und ihr Mann arbeiten beim Film. „Da gibt es kein Nein. Da versucht man immer, alles möglich zu machen.“ Dieses Gefühl gebe ihr die Stadt Potsdam nicht. „Es fehlt an einer Lösungsstrategie. Mich nervt nicht, dass es mal irgendwo eine Baustelle gibt – das ist ja normal. Aber die zusätzliche Belastung auf den ohnehin staugebeutelten Straßen, die Länge der Maßnahme und die Perspektive, dass das Verkehrsaufkommen mit wachsender Einwohnerzahl – vor allem in Krampnitz – der Normalzustand sein wird, das ist ein dickes Paket.“

Täglicher Stau und wenige Bisse sind unsexy

Wie gern sie auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen würde! Dass die nächste Bushaltestelle zu Fuß nicht erreichbar ist – geschenkt. „Dass Problem ist, dass der Bus nur einmal in der Stunde fährt und dann auch im Stau steht“, so Grit Belitz. „Die Logistik passt sich in Potsdam einfach nicht an die tatsächlichen Gegebenheiten und den modernen Pendler an. Ich finde Potsdam wirklich toll, aber der tägliche Stau und die niedrige Frequenz öffentlicher Verkehrsmittel sind sehr unsexy.“

Übrigens: Für 11,5 Kilometer braucht Grit Belitz am Donnerstag eine Stunde. Sie sagt, dass sie überraschend gut durchgekommen ist.

Von Nadine Fabian

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