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Partymeile im Holländischen Viertel
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„Schwul-lesbische Kultur und Lebensfreude“ Partymeile im Holländischen Viertel

Jirka Witschak, Vorstand des Vereins Katte e. V., über den Queensday – die größte Tunten-Party Brandenburgs ist eines der Highlights des Tulpenfestes. Abseits vom bunten Bühnenprogramm geht es aber auch um ernste Fragen wie etwa um die Situation von schwulen Flüchtlinge in Deutschland.

Der Queensday: Blütenträume und traumhafte Tunten mitten im Holländischen Viertel.

Quelle: Christel Köster

Innenstadt. Jirka Witschak engagiert sich seit Jahren für die Rechte von Schwulen und Lesben. Er ist der Erfinder des Queensday, der größten Tunten-Party von Brandenburg.

Schwulenaktivist Jirka Witschak.

Quelle: Privat

Herr Witschak, am Wochenende wird wieder der Queensday in der Benkertstraße vor der Gaststätte La Leander gefeiert. Es gibt buntes Programm und Stargäste wie „Griselda von Hodenzollern“. Woher stammt der Name Queensday?

Der Name kommt aus Holland. Früher gab es in den Niederlanden den Koninginnedag, der zu Ehren von Königin Beatrix am 30. April gefeiert wurde. Mittlerweile ist ja Beatrix’ Sohn, Willem Alexander, König. Also wird der Feiertag jetzt Koningsdag. Anfangs wurden in den Straßen Flohmärkte veranstaltet. Irgendwann hat sich jeder Radiosender und jede Band eine Ecke in den Straßen gesucht. Das Fest zieht jetzt Millionen Menschen an. Es gibt auch einen schwul-lesbischen Teil - eben den Queensday. Schwul-lesbische Kneipen beteiligen sich. In Amsterdam gibt es ein Denkmal, den rosa Winkel, der an die Opfer des NS-Regimes in den KZs erinnert. Das Denkmal wird als Bühne genutzt, um die schwul-lesbische Kultur und Lebensfreude zu feiern.

Wie entstand der Potsdamer Queensday?

Das Fest gibt es seit 2004, aber einen ersten kleinen Vorläufer gab es schon im Jahr zuvor. Die Idee entstand wegen des Tulpenfests im Holländischen Viertel. Ich war damals der Wirt vom La Leander in der Benkertstraße und ich dachte mir, ich beteilige mich einfach undercover an dem Fest. Also habe ich die Kellner im Frau-Antje-Outfit rausgeschickt, also mit oragenen Zöpfen und originalen niederländischen Kostümen. Die Tulpenfest-Touristen waren leicht irritiert, fanden es aber dann ganz gut.

Und was sagten die Veranstalter vom Tulpenfest?

Hans Göbel vom Verein zur Pflege niederländischer Kultur in Potsdam kam und hat sich bedankt. Er sagte, dass sein Verein das Programm im darauffolgenden Jahr unterstützen wolle. Da bin ich Herrn Göbel heute noch auf meinen Knien dankbar, dass er uns unterstützt hat. Wenn jemand für Toleranz eintritt, dann ist es der niederländische Kulturverein. Die Mitglieder waren die ersten aus der Stadtgesellschaft, die gesagt haben: Das finden wir total gut, das wollen wir haben. Nur wegen deren Hilfe ist der Queensday entstanden.

Sie leiten den Verein Katte e. V., der sich für die Anliegen von Schwulen, Lesben und Transsexuellen einsetzt. Wie hat sich Ihre Arbeit seit der Vereinsgründung 2005 verändert?

Die Beratungsfälle werden immer schwieriger. Es kommen viele junge Menschen zu uns, die als Jugendliche gemobbt worden sind. Der schlimmste Fall war, dass jemand elf Mal die Schule beziehungsweise die Klasse wechseln musste, weil er erkennbar schwul war. Solche Erfahrungen machen natürlich etwas mit den Menschen. Wir versuchen, ihnen wieder eine Lebensorientierung zu geben, sie seelisch aufzurichten und sie wieder ausbildungsfähig zu machen. Außerdem muss man ihre Talente fördern, um ihr Selbstbewusstsein zu stärken. Wir vermitteln ihnen auch ein Einstiegsqualifizierungsjahr oder ein Jahr beim Bundesfreiwilligendienst.

Ende 2016 stand der Fortbestand des Vereins auf der Kippe, weil die Finanzierung ungewiss war. Wie sieht es jetzt aus?

Wir sind gerade in Verhandlungen mit dem Sozialministerium. Die ersten Förderungen sind klar gegangen und jetzt hoffen wir, dass die weiteren beantragten Förderungen demnächst bewilligt werden. Wir haben den Eindruck, dass das Sozialministerium die Wichtigkeit des Vereins wahrnimmt und nach Lösungen sucht.

Unter den Flüchtlingen, die nach Deutschland kommen, sind auch Schwule. Wie ergeht es ihnen hier?

Seit Januar hatten wir sieben Krisenfälle, die wir betreuen. Sie sind alle in den Übergangswohnheimen geoutet worden und waren deswegen alle mit Gewalt konfrontiert. Einem wurde ein Messer an den Hals gehalten, ein anderer von der Treppe gestoßen und wieder einer ist vergewaltigt worden.

Wie finden diese jungen Männer dann den Kontakt zu Katte e.V.?

Manchmal per Mail, manchmal per Telefon. Manche Fälle werden uns aus Berlin weitervermittelt. Das Problem ist, dass es keine Schutzwohnung für homosexuelle Flüchtlinge in Brandenburg gibt. Wir hatten aber dann das Glück, dass wir sie in privaten Notunterkünften des Vereins unterbringen konnten.

Mit welchen Schwierigkeiten haben schwule Flüchtlinge zu kämpfen?

Wie gesagt: Sie werden teilweise sogar mit Gewalt konfrontiert. Aber auch Ausgrenzung und Mobbing durch die anderen Flüchtlinge ist an der Tagesordnung. In den Willkommensklassen, wo sie Deutsch lernen sollten, sind sie oft nicht willkommen. Es gab Fälle von Flüchtlingen, die sich wegen der Behandlung durch ihre Mitschüler stundenlang auf der Toilette eingesperrt haben. Da bleibt das Deutschlernen natürlich auf der Strecke. Bei uns bekommen sie einen Deutschlehrer zur Seite gestellt.

Wie sah das Leben dieser Flüchtlinge in ihrer Heimat aus?

Das kann man natürlich nicht pauschal sagen, weil die Herkunftsländer wie Tschad, Syrien, Kamerun oder Indonesien extrem unterschiedlich sind. Ich will aber kurz den Fall eines Flüchtlings aus dem Tschad schildern. Der Vater ist Imam und hat den Sohn mit dessen Freund beim Sex erwischt. Daraufhin ist der junge Mann geflüchtet. Die Polizei hat ihn geschnappt; er musste ein paar Wochen in einer Arrestzelle verbringen – gemeinsam mit einer schwarzen Schlange. Damit wollten ihn die Polizisten gegen Homosexualität „behandeln“. Man hat ihn mit der Schlange alleine gelassen, um ihm seine „Krankheit“ auszutreiben.

Der Queensday wird am Samstag und Sonntag jeweils von 15 bis 19 Uhr in der Benkertstraße gefeiert.

Von Ildiko Röd

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