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Jeder sechste Teenager ist Opfer massiven Mobbings
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Übergriffe an Schulen Jeder sechste Teenager ist Opfer massiven Mobbings

Neue Pisa-Auswertung: „Für manche ist die Schule ein Ort der Qual“ – jeder sechste 15-Jährige in Deutschland wird gemobbt. Doch vieles läuft für Jugendliche auch gut in den Schulen.

„Mobbing ist kein Randphänomen“: Oft sind es die vielen kleinen Schubser und Tritte, die vornehmlich Jungen in der Schule ertragen müssen.

Quelle: Archiv

Berlin. Ist das fiese Gerücht erst einmal in der Welt, ist es gar nicht so einfach, es loszuwerden. Der 16-jährige Schüler beschreibt es in einem Internetforum so: „Es klebt wie Pattex an mir.“ Eine Mitschülerin hatte herumerzählt, er bekomme nur so gute Noten, weil sein Vater ein Verhältnis mit der Klassenlehrerin habe. Das stellte sich schnell als unwahr heraus, doch das Gerücht hielt sich hartnäckig. Bei jeder Eins wurde der Jugendliche erneut damit konfrontiert.

Neben solch gemeinen Gerüchten reicht das Spektrum von Mobbing an Schulen über soziale Ausgrenzung, Hänseleien bis hin zu köperlicher Gewalt. Ein zunehmendes Problem, das nun auch zahlenmäßig untermauert ist: Nach einer neuen Pisa-Sonderauswertung zum Wohlbefinden von Jugendlichen geht hervor, dass in Deutschland fast jeder sechste 15-Jährige regelmäßig Opfer von teils massivem Mobbing an seiner Schule wird. Im Schnitt aller Teilnehmerländer der OECD ist sogar nahezu jeder fünfte mehrmals im Monat von körperlicher oder seelischer Misshandlung durch Mitschüler betroffen. Und 2,3 Prozent der hierzulande Befragten gaben an, in der Schule herumgeschubst und geschlagen zu werden. Jungen werden häufiger Opfer solcher Attacken als Mädchen. Diese sind wiederum stärker von Ausgrenzung und bösen Gerüchten betroffen.

„Schule – ein Ort der Qual“

„Für manche ist die Schule ein Ort der Qual”, schreiben die Pisa-Bildungsexperten. Mobbing sei kein Randphänomen, sagt auch Andreas Schleicher, Bildungsdirektor der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). „Der Anteil betroffener Schüler ist signifikant, gerade wenn man sich nicht nur das physische Mobbing anschaut. Beim sozialen und psychologischen Mobbing sind die Größenordnungen viel stärker ausgeprägt. Mobbing müssen wir in Deutschland viel stärker thematisieren“, sagte Schleicher. Angesichts solcher Ergebnisse werde nach Ansicht der Präsidentin der Kultusministerkonferenz Demokratiebildung immer wichtiger: „Mobbing und ein zunehmend verrohender Umgang in der Gesellschaft und im Internet zeigen, dass die klassischen Kompetenzen – wie die Fähigkeit, werteorientiert und reflektiert zu handeln, Konflikte zu lösen und mit anderen Menschen konstruktiv und sozial zusammenzuleben – heute aktueller denn je sind“, sagt Susanne Eisenmann.

Wenig Stress durch Hausaufgaben oder Prüfungen

Für die Pisa-Studie über Lernumfeld und Lernverhalten wurden über eine halbe Million Schüler weltweit befragt – darunter 10 000 aus Deutschland: „Der Datensatz ist so spannend, weil er auch Zusammenhänge aufzeigt zwischen kognitiver Leistung, emotionalem und sozialem Umfeld, Unterstützung durch Eltern und Lehrer”, sagt Schleicher. Hiesige Schüler erfahren zu Hause viel Unterstützung. 96 Prozent gaben an, dass sich ihre Eltern für Schulaktivitäten interessieren.

Positiv fällt auf, dass sich Jugendliche überwiegend wohlfühlen und relativ wenig Stress durch Hausaufgaben oder Prüfungen empfinden. Die Wertschätzung der eigenen Lebenssituation insgesamt liegt unter deutschen 15-Jährigen bei guten 7,4 auf einer Skala von 0 bis 10 (OECD: 7,3). „Teenager, die sich als Teil einer Schulgemeinschaft fühlen und gute Beziehungen mit ihren Eltern und Lehrern pflegen, werden mit größerer Wahrscheinlichkeit bessere schulische Leistungen erbringen und insgesamt glücklicher sein“, schreibt die OECD. Allerdings ist das Gemeinschafts- und Zufriedenheitsgefühl bei Schülern aus ärmeren Familien oft weniger ausgeprägt.

Lehrer kommen bei Umfrage nicht gut weg

Der Schullalltag stresst die deutschen Jugendlichen offenbar nicht sonderlich. Sie haben weniger Furcht vor Hausaufgaben oder Tests als im Durchschnitt. Allerdings ist der Unterschied zwischen guten und schlechten Schülern hierzulande enorm. Die schlechten haben viel mehr Angst zu versagen – das ist in vielen Ländern nicht so. Außerdem fürchten sich deutlich mehr Mädchen vor Tests als Jungen (64 Prozent im Vergleich zu 47 Prozent der Jungen). Und so sind denn auch die Jungen viel zufriedener mit ihrem Leben als die Mädchen.

Keine gute Bewertung bekommen dagegen die Lehrer von ihren Schülern. Vergleichsweise wenige der Befragten (nur 59 Prozent) sind hierzulande ganz zufrieden mit der Unterstützung und dem Interesse ihres Lehrers (OECD: 77 Prozent).

Von RND/Werner Herpell/Heike Manssen

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