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Kunst-Jungstar Leon Löwentraut Picassos Musterschüler

Ob in London, New York oder Singapur: Der 19-jährige Leon Löwentraut wird als frühreifes Malergenie gefeiert. Seine größte Kunst besteht in der Selbstvermarktung.

Allein schon der Name klingt nach Kunst: Leon Löwentraut mit einigen seiner Werke in der Galerie artbox in Berlin.

Quelle: dpa

Berlin. “Das ist schon Wahnsinn“, “Ich lebe gerade meinen Traum“ oder “Kunst ist meine Leidenschaft“ sind typische Sätze von Leon Löwentraut. Der Düsseldorfer Teenager lebt derzeit auf der Überholspur. Bereits als Schüler hatte er erste Ausstellungen. Seit er die Schule beendet hat, jettet der 1998 Geborene um die Welt: zu Vernissagen in London, New York, Singapur. Seine großformatigen Leinwandkreationen, regenbogenbunte Bilder mit Titeln wie “The Gigolo“, “Drunken Girl“ oder “Schirmköpfe“ verkaufen sich wie warme Semmeln. Nach manchmal nur 30 Minuten sind Löwentraut-Ausstellungen angeblich ausverkauft. Einzelne Bilder kosten mehrere Tausend Euro.

Der junge Mann wähnt sich in den Fußstapfen des Jahrhundertmalers Pablo Picasso – oder kreiert zumindest sein Image danach. Er bewundert Matisse, Gauguin, Pollock und Basquiat – und lässt deren Bildsprache ungeniert in seine großformatigen Werke einfließen. Der “Bubicasso“, wie die “Bild“ ihn nannte, empfängt Journalisten bei sich zu Hause in Düsseldorf. Eine Fülle fertiger Leinwände in seinem Atelier im Keller des elterlichen Wohnhauses bilden die Kulisse. Mit Anzug, Stecktuch und gegeltem Haar gibt Löwentraut Auskunft über seine künstlerische Leidenschaft: das Malen wie im Rausch, nächtelang, zu klassischer Musik. Wahlweise inszeniert er sich auch mit Designerklamotten als Young Urban Cool oder setzt sich als Naturgewalt in Szene: mit nacktem Oberkörper und gezücktem Pinsel.

Die Kunst der Imagepflege

Das eigentliche Kunststück ist wohl gar nicht die Malerei, sondern die Art, wie Löwentraut sein Künstlerimage kreiert, aus Versatzstücken moderner Malerheroen, und wie er dieses als Marke nach außen vertritt. Schon mit 16 Jahren stand er selbstbewusst in der Show von Stefan Raab, vollgesogen vom Gefühl, ein geborener Künstler zu sein. Es ist die Wunderkindgeschichte, auf der sein bisheriger Erfolg gründet. Die Medien greifen die Geschichte begierig auf und übertreiben gerne auch etwas. “Es sind die Pinselstriche eines großen Talents“, hieß es etwa unlängst in einer TV-Reportage.

Zwar stimmt es, dass Löwentraut in den großen Metropolen der Kunst ausstellt, allerdings nicht in der ersten Riege der Kunstgalerien, sondern auf einem Nebengleis: in Galerien der sogenannten Contemporary Pop Art. Löwentraut hat es damit immerhin in die Liga des Wimmelbildmalers James Rizzi und des Schöpfers von Pop-Art-Verschnitten Devin Miles geschafft.

Muster-Millenial im Dandy-Outfit

Dass es Löwentraut noch als Schüler gelungen ist, einen aussichtsreichen Platz auf dem Kunstmarkt einzunehmen, ist durchaus eine beachtliche Leistung. Es ist eine kommerzielle Schiene der Gegenwartskunst, die sich demonstrativ freihält von bedrückenden oder anstrengenden Themen. In dieses Segment speist Löwentraut Bilder ein, die locker angelehnt sind an die klassisch gewordene Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts, vor allem an Picasso, aber ohne das Schmutzige, Dissonante und die Brüche der Originale.

In dieser Form lassen sich Werke – Löwentraut nennt seine gegenständliche Kunst merkwürdigerweise “expressiv-abstrakt“ – auch von einem Kid im Dandy-Outfit und altersbedingt bescheidener Lebenserfahrung im Elternhaus produzieren. Wenn Löwentraut betont, er sei berauscht von der Kunst, fragt man sich allerdings, ob wirklich die Kunst den Rausch auslöst oder ob der junge Mann womöglich trunken von sich selbst und seinem Erfolg ist. Tatsächlich erscheint der 19-Jährige als Paradebeispiel der “Me Me Me Generation“ und als Muster-Millennial. Als ganz normaler junger Mann also.

Selbstbewusster Kunst-Shootingstar – und ganz normaler Millenial: Leon Löwentraut bei der Eröffnung des Longchamp Flagship Stores in Köln.

Quelle: imago

Um die Jahrtausendwende Geborene sind laut soziologischen Studien im Durchschnitt signifikant erfolgsorientierter und narzisstischer als junge Leute früherer Generationen. Sie sind mit der Celebrity-Kultur und mit Reality-TV aufgewachsen. Statt in pubertäre Selbstzweifel und Sinnfindungskrisen zu versinken, sind sie damit beschäftigt, ihre Social-Media-Profile wie rosa Luftballons zu Erfolgstorys aufzublasen.

Die jüngst erfolgte Ablehnung Löwentrauts durch die Düsseldorfer Kunstakademie, die sich weder von seiner Malerei noch von seinen Galeriekontakten beeindruckt zeigte, quittierte Löwentraut mit einem trotzigen Vergleich: Die Ablehnung brauche ihn nicht zu bekümmern, immerhin sei der Bildhauer Georg Baselitz sogar mehrfach von der Akademie abgewiesen worden.

Dass Löwentraut derzeit in Berlin ausstellt, lässt der Teenager in einem Post an seine rund 9000 Facebook-Freunde wie eine generöse Geste seinerseits aussehen: “Nach langen und weiten Reisen auf Grund von internationalen Ausstellungen rund um den Globus möchte ich den Menschen hier die Möglichkeit geben, meine Werke auf der Ausstellung im Original zu betrachten.“

Die art box gallery in Berlin, Reinhardtstraße 7, zeigt bis 22. April Bilder von Leon Löwentraut.

Von Johanna Di Blasi

Berlin 52.5200066 13.404954
Berlin
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