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Pop gegen Populisten
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Musiker gegen Trump Pop gegen Populisten

Ein Mann macht Musik – indirekt. Donald Trump hat auch sein Gutes: Er bringt den Ernst in den Pop zurück. Der Protestsong erlebt zu Beginn seiner Präsidentschaft eine Blüte wie seit den Sechzigerjahren nicht mehr. Und die Einheit der Musiker erweckt ein Gefühl von guter Gemeinschaft.

Plötzlich wieder politisch: Dank Donald Trump entdecken selbst sonst eher für Belangloses bekannte Popmusiker die Tradition des Protestsongs wieder.

Quelle: RND

Washington. Da singt einer Klartext. “Kommt Mexikaner, Moslems, Schwule, Lesben und Juden / haltet die Augen weit offen für die Neuigkeiten / denn Präsident Trump äußert heute wieder seine Ansichten. / Und ich fürchte, der Mob, den er damit aufhetzt / wird schon bald eure Fenster einwerfen, eure Schulen runterbrennen / die Zeiten ändern sich nämlich zurück.“ Der britische Musiker Billy Bragg schrieb das während Trumps Inaugurationsrede. Eine halbe Stunde – fertig war “The Times They Are A-Changin‘ Back“, ein Update von Bob Dylans Anti-Vietnam-Song “The Times They Are A-Changin‘“ von 1964. Ein Protestsong.

Das Musikgenre Protestsong gibt es, seit Menschen, die mit dem Ist-Zustand unzufrieden sind, Musik machen. Öffentlich gesungen wurde gegen die Obrigkeit in den Zeiten demokratischer Freiheitsbewegungen im frühen 19. Jahrhundert, in den napoleonischen Befreiungskriegen und mit dem Entstehen von politischen Parteien aus Arbeitervereinigungen Mitte des 19. Jahrhunderts.

Von einer ganzen Generation in die Nische

Der Protestsong thematisiert einen politischen oder gesellschaftlichen Missstand entweder allgemein oder in seinen konkreten Auswirkungen aufs Leben einer besungenen Figur. Natürlich fand er Eingang in die moderne Popmusik. In den USA der Sechzigerjahre sangen und spielten Musiker wie Dylan, Joan Baez, Phil Ochs und dann auch Jimi Hendrix, die Stones und die Beatles gegen Vietnamkrieg und Rassismus an – mit gefühlt der kompletten jungen Generation auf ihrer Seite.

Anders als der “normale“ Pop dient der Protestsong nicht (vorrangig) der Unterhaltung und ist auch (meist) keine Aufforderung zum Tanz sondern zielt auf Reflexion und Bewusstseinsveränderung des Hörers. Nach dem Scheitern der studentischen Revolution von 1968 führte er eine Existenz am Rande oder außerhalb der Charts – obwohl er nie verschwunden war und etwa in Zeiten der Anti-Atomkraft-Bewegung in den Achtzigerjahren und eines deutschen Rockens gegen rechts in den frühen Neunzigern sogar kleine Blütezeiten hatte.

1000 Songs gegen Trump

Jetzt aber ist der Protestsong wieder im Aufwind. Der politische Missstand 2017 heißt Donald Trump – der unmögliche US-Präsident, der auf dem machtvollsten Posten auf Erden wie ein Schuljunge erscheint, der mit der Welt spielen darf und der böse wird, wenn die Welt nicht mitspielen möchte. Der zudem die von der Popmusik gern beschworene “eine Welt“ zu beseitigen droht. In der Aktion “30 Songs in 30 Days“ hatten von 10. Oktober vorigen Jahres an bekannte Künstler und Bands wie Moby, Aimee Mann oder Franz Ferdinand täglich einen neuen Song für “ein Trump-freies Amerika“ veröffentlicht, um Trumps Wahl zu verhindern.

Inzwischen heißt das Projekt “1000 Days, 1000 Songs“ und soll über Trumps gesamte Amtszeit laufen. Die Sounds reichen von Folk bis Elektro, von Metal bis Hip-Hop. Klassiker des Protestsongs wie Leonard Cohens “Democracy“ oder Woody Guthries “Deportee“ werden in die “Playlist, die Donald Trump hasst“ einbezogen, um sie in der Tradition zu verankern. Anders als 1968 geht es allerdings nicht um Revolution, sondern um das Bewahren von Demokratie und Menschlichkeit.

Eine Flut prominenter Protestsänger

Wie in den Sechzigerjahren gibt es auch wieder Protestierende, die sich auf Demos die Hände reichen. Eine halbe Million Menschen waren am 17. Januar beim Women’s March in Washington auf der Straße. Dort wurde Fiona Apples “Tiny Hands“ zum Hit des Tages, ein Anti-Trump-Mantra, in dem sie dem bekennenden Sexisten Trump beschied: “Wir wollen deine winzigen Hände nicht in der Nähe unserer Wäsche.“

Der traditionelle Hitmacher Radio tut sich mit der Neuen Demokratischen Welle (noch) schwer – des einen Protestsong ist immer auch des anderen Hörers Ärgernis, und man will ja nicht, dass vergrätzte Trump-Anhänger den Sender wechseln. Die Songs sind für Musikfans aber auf Youtube, Spotify und Apple Music verfügbar. Und weil sich von Lady Gaga über Arcade Fire bis Depeche Mode alle politisieren, wird es für die Sender schwer werden, die Flut so prominenter Protestsänger auf Dauer zu ignorieren. Auch die Tanzpop-Prinzessin Katy Perry hat sich eingereiht. Ihr für den Sommer geplantes neues Album werde politisch, kündigte sie an. Perrys Motto: “Wie können wir Club-Knaller schreiben, während die Welt brennt?“

Der kontinuierlichste, stimmgewaltigste Kritiker ist derzeit wohl Bruce Springsteen, der schon während des Wahlkampfs das Bild Trumps als eines “giftigen Narziss“ beschworen hatte. Während seiner Australientour kam die Selbstverortung von der Bühne herab: “Wir sind der neue amerikanische Widerstand!“ Klartext. Songs folgen.

Musik lässt sich nicht wegsperren

“Musik“, sagte Billy Bragg schon im Vorjahr dem Musikmagazin “New Musical Express“, “kann dir das Gefühl geben, dass du nicht der Einzige bist, der sich Sorgen macht.“ Am Abend nach dem Brexit-Referendum stand er auf der Bühne des Glastonbury-Festivals und spürte im Publikum den Schock. Die Gewerkschaftshymne “There Is Power in a Union“ verwandelte er spontan in ein “Ja“ zum Verbleib in Europa. Ein wundersamer Konzerttag, an dem Damon Albarn, Frontmann von Blur, der mit einem 50-köpfigen syrischen Orchester auftrat, laut ausrief: “Wir können diese Entscheidung ändern!“

Man darf gespannt sein, wie Trump sich wehrt. Er kann die Musik beleidigen, aber er kann sie nicht kaputt twittern, verbieten, wegsperren, niederschießen. Billy Bragg erwartet von den Verhältnissen die Geburt einer neuen Generation von Musikern und Bands mit Haltung, neue Stimmen der Demokratie. Und welchen besseren Grund gäbe es, zu Gitarren, Bass, Schlagzeug zu greifen, als Songs zu schreiben, die die Gedanken der Leute frei machen. Die westlichen Charts mit ihrem endlosen Bla-bla-la-la vertrügen einigen Tiefgang.

Comeback auch in Deutschland?

Vielleicht färbt all das ja auch auf Deutschland ab, wo ein Pop-“Widerstand“ laut werden könnte gegen das beigebraune Anschleichen an die Macht. Bands wie die stramm linken Punks Feine Sahne Fischfilet oder die Hip-Hopper Antilopen Gang liefern schon Lieder. Auch die Toten Hosen haben für ihr neues Album “Laune der Natur“ (erscheint am 4. Mai) Politisches angekündigt. Und Jan Josef Liefers singt jetzt wieder Dylan: “The Times They Are A-Changing“. Wie er es zuletzt zu Zeiten des Mauerfalls tat.

Dylan selbst, der einstige König der Protestsänger, schweigt. Ob ihn Trump aus der jahrzehntelangen Protestreserve lockt? Gestern vor einer Woche hat er “Triplicate“ veröffentlicht, ein Dreieralbum mit uralten, unpolitischen US-Standards. In den Zugaben seiner Konzerte aber spielt er verlässlich “Blowin‘ in the Wind“, den Song, der schon 1962 die große Frage stellte: “Wie oft muss das alles noch so blöd laufen, bevor es endlich mal kapiert wird?“

Diese Frage wird wieder gestellt. 2017 kehrt ein Popgenre zurück, das Trost bieten kann in Zeiten, in denen Europa bebt und bislang niemand befriedigende Antworten gibt. Das Comeback des Protestsongs war verblüffend einfach. Der US-Comedian und Songwriter Tim Heidecker hat es in seinem Lied “Trump Talkin‘ Nukes“ formuliert: “Irre, dass es dazu nur eines einzigen Verrückten bedurfte!“

Von Matthias Halbig

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